Auszug #2

In 2 Sekunden …

»Entschuldigen Sie, ich muss ran.« Sein Blick entschuldigt nicht. Ich stehe auf, trete ans Fenster und sehe auf die Gleise: »Ja?« – »ILSeeeee?«, brüllt mein Vater mit überkippender Stimme, einerseits preußisch korrekt, andererseits voll panischer Angst. Mein Vater, der sich wegen seiner extremen Schwerhörigkeit immer weigert zu telefonieren, insgeheim sind ihm Telefonate auch einfach lästig:

»IIIIIIIIILLLLLLLLSSSSSSSEEEEEEEEEEE!!!!!!!!!!« – »Ja, ich binʼs, ich höre dich«, brülle ich zurück.

»Illssee, ja!« Er scheint erleichtert, nach kurzer Pause sich fassend: »Deine Mutter ist völlig durchgedreht, sie spricht wirres Zeug, ich denke, wir müssen sie abgeben!« Mein Blutdruck steigt auf gefühlte 350 zu 410, der Puls rast, mein Hirn ist im Ausnahmezustand, trotzdem glasklar. Ich lassemir meine Mutter ans Telefon holen. »Turmuhr mulpen knomen, nee. Ich habe geschlagen Chroisent beschrieben mit Lambuda schnese balk kram neuf.«

Jetzt ist es passiert. Plötzlich und unerwartet.

Ich rase mit 100km/h durch die Stadt zu meinen Eltern.

Meine Mutter sitzt am Esstisch, umarmt mich wie eine Ertrinkende. Unverständliche Laute und Worte sprudeln aus ihr heraus, artikuliert in einer klaren Satzmelodie. In ihren Augen lese ich, dass sie das Gefühl hat, ganz normal verständlich zu sprechen. Nach außen bleibe ich freundlich neutral, halte ihre Hand. Innerlich rasen meine Gedanken: Heute ist Mittwoch. Hat der Hausarzt seine Praxis offen? Nein. Der Neurologe? Ja, aber erst ab 14 Uhr. Jetzt ist es 12 Uhr. Sie hat schon einmal vor zwei Wochen unverständlich gesprochen. Nach einem Tag war das verschwunden. Damals hatte ich sie intuitiv »unter Wasser« gesetzt, hatte sie zwei Liter trinken lassen. Habe sie dem Neurologen vorgeführt. Er will sie auf Epilepsie und Parkinson untersuchen. Wie war das bei meinem Vater damals bei seinem Schlaganfall? Er hatte starke Schmerzen im linken Arm, der linke Teil seines Mundes hing schief, ihm war schwindelig, er hatte Sehstörungen. Aufmerksam betrachte ich das Gesicht meiner Mutter. Keine Gesichtshälfte hängt. Kann ich warten oder nicht? »Hast du Schmerzen in der linken Seite?« Unverständliche Worte. Gut, also muss ich erst eine gemeinsame Verständigung vereinbaren. Mein Vater schreit wie ein verwundetes Tier: »Was machen wir?« Mammi und ich einigen uns auf Nicken für »Ja« und Kopfschütteln für »Nein«, auf Telepathie und viel trinken. »Schmerzen?« Kopfschütteln. »Siehst Du doppelt?« – »Malapp korum schneeeze!« Ich verstehe nicht. Sie schüttelt den Kopf. Ich frage nach: »Nein?« Sie nickt. Na, hoffentlich stimmt das.

Ich betrachte sie eingehend. Nein, sie sieht nicht aus, als ob sie Schmerzen hätte. »Wie viele Finger sind das?« Ich halte drei Finger in die Höhe. »Gmatus!!!«, strahlt mich meine Mutter an. »Und jetzt?«, ich halte zwei Finger in die Höhe. Keine Reaktion. Ihr Blick ist leer, ohne ein Zeichen des Erkennens. Bei der Untersuchung zu ihrer Grauen-Star-Operation vor fünf Jahren wurde festgestellt, dass sie einen »Sehpfropfen« im linken Auge hat. Dadurch hat sie im mittleren Teil des Sehfeldes einen »blinden Fleck«. Ich bewege meine zwei Finger auf gleicher Höhe leicht nach rechts und nach links. »Ha«, meine Mutter lacht erkennend, »Kwum!!!« Sie hebt zwei Finger in die Höhe zum Victory-Zeichen. Auch ich hatte Ring- und Mittelfinger so hochgehalten. Ich lache. Meine Mutter lacht: »Kwum, maleise gnach …« Wir lachen beide, Tränen laufen mir übers Gesicht. »Es ist vorbei. Irgendwann muss es ja vorbei sein. Nun heißt es Abmarsch«, unterbricht uns mein Vater mit depressiver Stimme. »Und wir haben noch keinen Sarg bestellt. Machst du das?« Er blickt mich an, leidend. »Ich bin dazu nicht mehr in der Lage.« Meine Mutter reagiert wütend, droht ihmmit der Hand: »Dura bese lajke wem.« Mein Vater sieht sie ängstlich an: »Stimmt doch. Den werden wir brauchen.« Ich mache weiter: »Berühre mit dem Finger deine Nase.« Klappt etwas wackelig. Ich teste ihre Reflexe, kratze an Füsse, Knie, Handgelenke, Arm, am Bauch, im Gesicht: alle reagieren.

Scheiß Halbwissen, ich hab das alles schon inszeniert, nach Drehbuch den Schauspielern abverlangt, unterstützt von einer Fachberatung, meist einem Arzt, aber das hier ist die Realität. Also keine Schmerzen, ich taste sie links ab, ohne negative Reaktion, keine Sehstörung, kein Schwindel.

Was ist mit ihr? Ich brauche eine Fachberatung! Erst in einer halben Stunde kann ich den Neurologen erreichen. Kann man einen Schlaganfall ausschließen? Aber was ist es dann? Ich weiß, sie will nicht ins Krankenhaus, nur im äußersten Notfall. Das musste ich ihr versprechen. Muss ich mich jetzt über ihren Wunsch hinwegsetzen? Ist das jetzt der äußerste Notfall? Habe ich noch die halbe Stunde, um auf die Aussage ihres Neurologen zu warten? Ich rufe eine Bekannte an, die lange als Krankenschwester auf der Intensivstation gearbeitet hat. Sie rät, Ruhe zu bewahren, einen Arzt anzurufen, ansonsten ab in die Notaufnahme. Meine Mutter erschrickt, sie versucht dem Krankenhaus zu entgehen, indem sie übermässig viel trinkt. Es fällt ihr schwer. Sie verschluckt sich immer wieder, hustet, bekommt Erstickungsanfälle. Sie ist in der Gegenwart. Sie erklärt mir mit eindeutigem Selbstbewusstsein: »Karum batta schlee!« Dieses Missverhältnis zwischen der Realität und ihrer empfundenen Realität bringt mich fast um. Mein Vater fragt in gespenstischer Ruhe: »Was machen wir?« Es antwortet aus mir: »Wir trinken, und dann rufe ich Punkt 14 Uhr den Neurologen an.« Meine Mutter mit einem triumphierenden Blick zu meinem Vater: »Kamblu trass!«. »Das ist insieben Minuten«, mache ich mir selbst Mut.

Ich erreiche den Neurologen. Er rät, sofort in eine Klinik zu fahren: Verdacht auf Schlaganfall! Ich begreife das nicht, es sind die gleichen Symptome wie vor zwei Wochen! Wieso ist es heute ein Schlaganfall, und vor zwei Wochen war es keiner? Gut, ich will nicht diskutieren. Was ist zu tun? Ins Krankenhaus. O. k.! Ich »zwinge« den Neurologen, uns in dem Krankenhaus, in welchem auch mein Vater war, anzumelden. Es ist gleich um die Ecke.

Ich werde meine Mutter selber hinfahren, ich möchte ihr die Fahrt in einem Krankenwagen ersparen. Außer meinem Vater – nach einem Unfall im letzten Jahr – ist noch nie ein Familienmitglied, das mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren wurde, lebend zurückgekehrt. Ich packe eine Tasche. Mein Vater rennt wie angestochen durch die Wohnung. »Das ist das Ende, na ja, es muss ja mal zu Ende sein. O Gott, o Gott, was mache ich denn jetzt. Was mache ich?« Meine Mutter wird immer stiller. Sie legt sich meinen roten Kaschmirschal um. Ich packe: Kleidung, Medikamente, ihre Zeitschriften…

Der Neurologe ruft an, das Krankenhaus hat kein Bett frei auf der Stroke Unit, der Schlaganfall-Station. Wir sollen in ein Krankenhaus am anderen Ende der Stadt. Das geht ohne Anmeldung! In meinem Kopf rasen die Gedanken: Ist mein »Wunsch«-Krankenhaus wirklich überlastet? Oder isteine 84-jährige Patientin egal????? Halten sie die Stroke Unit für »jüngere Fälle« frei? Egal. Wir brauchen Hilfe. Meine Eltern haben mitgehört. Mein Vater hat sich entschieden: »Ich bleibe hier, ich kann sowieso nicht helfen und einer muss ja auch in der Wohnung bleiben.« Meine Mutter fügt sich in ihr Schicksal.

(Forsetzung Auzug #3)

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