Ilse Biberti

Wieviel LebensZeit ab jetzt?

Mit wieviel Lebenszeit darf ich ab jetzt rechnen?

Was für eine Frage. Ein bisschen schüttelt es mich. Doch zu meiner an mich selbst gestellten Frage:

Was mache ich jetzt mit meinem schönen Leben?

Gehört es unbedingt dazu. Denn ich will ja auch Taten folgenlassen. Wieviel Leben hab ich noch in guter Konstitution? Ich bin ein optischer Mensch, ich muss das vor mir sehen, damit ich das begreifen kann. Womit kann ich meine Lebenszeit »messen«? Jahresringe? Ich schaue an meinem Bauch herunter und muss lachen.

Bauch ist da, aber noch nicht so lange. Was will sein Vorhandensein mir sagen? Nö, das lass ich jetzt mal. Obwohl? Bauch? Werdende Mütter vermessen ihren Bauchumfang und ziehen Rückschlüsse auf die Entwicklung ihres Kindes? Als kleines Kind war ich sehr stolz, wenn jedes Jahr ein neuer Bleichstiftstrich an den Türpfosten gezeichnet wurde, um mein Wachstum sichtbar zu machen.

Das Leben vermessen, das klingt irgendwie poetisch.

Lebenszeit vermessen. Ich fasse ein Zentimeterband beim Zentimeter eins mit der linken Hand und den Zentimeter 100 klemme ich zwischen die Finger meiner rechten Hand. Das ist eine theoretisch zu erwartende menschliche Lebensphase. Dann rücke ich mit der linken Hand zu der Zahl meines jetzigen Alters vor. Also 59. Dann wandere ich mit der rechten Hand zu der Zahl der durchschnittlichen Lebenserwartung: Bei Männern wäre das der Zentimeter 75. Bei den Frauen Zentimeter 82.

Was passiert?

Bei den 100 Zentimetern zwischen den Händen halte ich meine Arme weit ausgestreckt. Bei der zu erwartenden, aktuell verbleibenden Lebenszeit – immer vorausgesetzt, alles geht gut und man erreicht sie – schrumpft die Distanz zwischen meinen beiden Händen bedrohlich nah zusammen. Bei mir sind das 23 Zentimeter. Das ist viel, viel weniger als die Länge von einem normalen Lineal! Das hat eine Einteilung von 30 cm plus jeweils 1 cm jeweils an den Rändern.

23 cm symbolisieren hier 23 Jahre.

Bei meinen Genen kommen vielleicht noch einige Jahre hinzu. Ich nagele mein Zentimetermaß trotzdem erst einmal an den beiden Punkten 59 und 82 an die Wand. Das haut mich um. Nur noch 23 Jahre? Stimmt das »nur«? Oder ist es eher ein puh, »noch« 23 Jahre? Wie lange sind 23 Lebensjahre? Ich versuche mir das vorzustellen: Wenn ich die zukünftigen 23 Jahre von den gelebten 59 Jahren abziehe kommt 34 heraus. Was habe ich erlebt in diesen 34 Jahren zwischen meinem 23. und 59. Lebensjahr?

Was habe ich vollbracht?

Bin ich damit zufrieden? Wie war das in meiner Lebensmitte, die zwischen 40 (bei 80 Jahren Lebenszeit), 45 (bei 90 Jahren Lebenszeit) oder 47 (bei 94 Jahren Lebenszeit) lag? Richtig LAG … Vergangenheit!
Ist das überhaupt eine richtige Berechnung?

Sollte man nicht die ersten 14 Jahre und die letzten drei/fünf/sieben Jahre abziehen? Die Kindheit und die Hochbetagtheit sind doch sehr spezielle Lebensphasen. In dieser Zeit lebt man eher nicht selbstbestimmt. Dann würde sich eine Lebensmitte so berechnen lassen: Ausgehend von einer Lebenszeit von jetzt mal optimistisch 90 Jahren minus 14 Jahre Kindheit und Jugend und im Mittelmaß minus 5 Jahre Hochbetagtheit, liegt die aktive Lebenszeit also zwischen 15 und 85 Jahren. Der Zwischenraum beträgt demnach 70 Jahre aktives, selbstbestimmtes Leben. Dies geteilt durch 2 ist gleich 35 Jahre. Jetzt wieder plus die 14 Jahre sind gleich 49 Jahre. Das ist eine gefühlte Lebensmitte. Ich erinnere mich, da war ich auch in einem großen Wandel. Die faktische Lebensmitte nach der heutigen durchschnittlichen Lebenserwartung dagegen wäre bei Männern 37,5 und bei Frauen bei 41 Jahren.

Wie ist das im Erwerbsleben? Gibt es auch eine berufliche Lebensmitte? Sicher, ein Pilot wird mit Mitte 50 verrentet. Die Generation Mitte umfasst die Altersgruppen von 35 bis 59 Jahren. Mit Lebensmitte, Mitte der Erwerbstätigkeit, Mitte der Parteien, Generation Mitte, mit Mitte wird der Mittelpunkt durch zwei Pole definiert: wie Geburt und Tod, wie links und rechts, wie Beginn und Ende. Diese Kategorie Lebensmitte finde ich wenig hilfreich…

solange Mitte mit dem Ogoux des Abstiegs,

…mit »es wird jetzt schlechter« in Verbindung gebracht wird. Wieso eigentlich? Ist die Mitte gleichzusetzten mir dem Zenit? Auf der Mitte des Berges da kann man doch sowohl im Aufstieg wie im Abstieg sein?

 

  1. Hallo Ilse, habe Dich eben bei fb entdeckt.
    Wir sind beide „58“-er und dieser Beitrag ärgert mich.
    Warum?
    Weil genau so einen wollte ich auch schreiben 😉 Jetzt kamst Du zuvor. Auch der Titel wäre meiner.
    Nun gut. Aber toll geschrieben mit einer Leichtigkeit und feinem Augenschmunzeln! Wunderbar!

    Liebe Grüße
    Sylwia

    Vielleicht tangieren sich unsere Wege ganz zufällig auf der ITB…

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